Analysiere dein Selbstbild

Ich habe einmal einen Vortrag auf einer internationalen Konferenz in Belfast gehalten – auf Englisch, zum ersten Mal in meinem Leben. Eine Stunde lang. Danach war ich energetisch am Boden. Und als ich meinem Sohn sagte: Das Ding war grottenschlecht – schaute er mich an und sagte: Vater, kannst du mir mal sagen, was du für einen Anspruch an dich hast?

Er fuhr fort: Du hast ab und zu Pausen gemacht. So konnte man über das nachdenken, was du gesagt hast. Das war total angenehm.

Ich hatte in diesem Moment eins der klarsten Beispiele von Selbst- und Fremdwahrnehmung erlebt, die ich kenne. Was ich über mich dachte – und was andere wirklich erlebt hatten. Das war nicht dasselbe. Das ist es fast nie.

 Was steckt dahinter

Dein Selbstbild – das Bild, das du von dir selbst trägst – ist einer der mächtigsten Steuermechanismen in deinem Leben. Es entscheidet, ob du Komplimente annehmen kannst oder sie sofort abschwächst. Ob du Nein sagen kannst oder dich unter Druck setzen lässt. Ob du Fehler als Lernmaterial betrachtest oder als Beweis, dass du nicht gut genug bist. Ob du über dich selbst lachen kannst – oder dich beim kleinsten Missgeschick selbst hart bestraffst.

Perfektionismus zum Beispiel ist selten ein Zeichen von hohem Qualitätsanspruch. Es ist fast immer ein Zeichen von Angst – Angst, nicht gut genug zu sein. Wer Dinge immer noch besser, noch feiner, noch genauer machen möchte, bis er sich selbst endlich genug getan hat – der hat dieses genug oft nicht in sich selbst, sondern sucht es von außen. Wir in der Messtechnik fertigen so genau wie nötig – nicht so genau wie möglich. Das ist kein Kompromiss. Das ist Weisheit.

Es gibt in meinem Leben zwei oder drei Menschen, denen ich ein Mandat gegeben habe, mir die Wahrheit über mich selbst zu sagen. Wechselseitige Mandate. Das heißt: Wenn du bei mir etwas siehst, das ich verändern sollte, sag es mir. Und ich tue dasselbe für dich. Das ist die einzige wirklich wirksame Form der Persönlichkeitsentwicklung, die ich kenne. Sie setzt mehr Vertrauen voraus als fast alles andere. Und sie gibt mehr zurück als fast alles andere.

 Typische Stolpersteine

Ein häufiger Fehler ist, das eigene Selbstbild für eine feststehende Tatsache zu halten – als wäre es mit der Kindheit festgeschrieben und nicht mehr veränderbar. Es ist kein Schicksal. Es ist ein Bild – und Bilder lassen sich verändern.

Ein zweiter Stolperstein ist, Schuldgefühle einfach auszusitzen, statt sie in Handlungen umzuwandeln. Schuldgefühle, die nicht in eine klärende Handlung münden, hinterlassen keine Freiheit – sie hinterlassen Belastung.

 So setzt du es um

Stelle dir heute diese Fragen und beantworte sie ehrlich, von 1 bis 10: Kann ich Komplimente wirklich annehmen? Kann ich klar Nein sagen? Kann ich über mich selbst lachen? Habe ich mehr Stärken als Schwächen – und sage ich das auch so? Wo die Zahlen niedrig sind, ist dein Selbstbild im Arbeitsmodus.
Gibt es einen Menschen in deinem Leben, dem du ein wechselseitiges Mandat geben kannst? Jemanden, der dir die Wahrheit über dich sagt – nicht um dich kleinzumachen, sondern weil er will, dass du wächst? Wenn ja, suche dieses Gespräch. Wenn nein, ist das der Handlungsbedarf.
Überprüfe, wie du mit dem nächsten Fehler von dir selbst umgehst – ob du ihn analysierst oder dich dafür bestraffst. Der erste Weg führt vorwärts. Der zweite dreht Kreise.
Schreibe heute auf: Was sind drei Dinge, die du besser kannst als die meisten? Nicht was du tust, sondern was du wirklich gut kannst. Damit reift dein Selbstbild.

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