Erkenne die Bedeutung einer Berufung

Wenn ich in Gesprächen, in Seminaren oder beim Coaching frage: Was ist deine Berufung? – dann bekomme ich selten eine klare, zügige Antwort. Nur wenige können wie aus der Pistole geschossen sagen: Das ist meine Berufung. Dafür lebe ich. Das ist das, was mich antreibt und nach vorn bringt.

Das erstaunt mich immer wieder. Denn die Frage nach der Berufung ist die vielleicht wichtigste Frage, die ein Mensch sich stellen kann.

Der Grund für die Sprachlosigkeit ist, glaube ich, der folgende: In unserem Bildungssystem – von der Schule bis zur Universität – ist die Frage nach der Berufung kaum ein Thema. Es geht fast immer darum, welchen Beruf jemand erlernen soll, um Geld zu verdienen. Aber die Frage, was wirklich in einem Menschen angelegt ist und wie es entwickelt werden kann – diese Frage wird viel zu selten gestellt.

 Was steckt dahinter

Wenn ich von Berufung spreche, meine ich nicht die juristische Bedeutung des Wortes und auch nicht das Besetzen eines Amtes. Ich meine das Ursprüngliche: ein Gerufen-Sein von jemandem für etwas Spezielles. Konkret: was das Leben in dich hineingelegt hat. Das Wundervolle, das in dir angelegt ist. Keiner kann sich selbst berufen – diese Berufung geht davon aus, was du mitbekommen hast.

Für mich persönlich ist mein Berufungssatz klar: Ich ermutige Menschen, ihre Berufung zu leben. Das ist der Satz, der über meinem Leben steht. Ich selbst als Ingenieur, als Unternehmer in der Messtechnik, als Speaker und Autor – all das fügt sich in diesen einen Satz ein. Und weil dieser Satz in mir lebt, wüsste ich selbst dann, wenn mir morgen ein unverhofftes Vermögen zufiele, nicht, warum ich mein Leben grundlegend ändern sollte.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Erfolg und Erfüllung. Einen Bekannten von mir erreichte auf einer Kreuzfahrt ein merkwürdiger Moment. Er hatte genug Geld, lebte im Überfluss – und wachte morgens auf mit nur einer Frage: Wo nehme ich mein Frühstück ein? In dem Salon da oder in dem anderen? Dieser Gedanke erschreckte ihn zutiefst. Er erkannte: Sein Leben hatte sich auf das Haben reduziert. Er begann sein Wissen weiterzugeben – anderen zu helfen, erfolgreich zu werden. Das gab ihm zurück, was fehlt, wenn man nur hat: Bedeutsamkeit. Der Wert eines Lebens liegt nicht darin, wie viel man besitzt, sondern wie viel Sinn man darin findet.

 Typische Stolpersteine

Ein häufiger Fehler ist, Berufung mit Beruf gleichzusetzen – also anzunehmen, die Berufung müsse sofort das sein, womit man Geld verdient. Berufung ist breiter: Sie umfasst alle Lebensbereiche, in denen man gerufen ist zu wirken – als Ehepartner, als Elternteil, als Unternehmer, ehrenamtlich.

Ein zweiter Stolperstein ist, Erfüllung mit Erfolg zu verwechseln. Erfolg lässt sich messen – in Zahlen, in Mitarbeitern, in Euro. Erfüllung nicht. Und wer nur nach messbarem Erfolg sucht, wird an einem Punkt die Leere spüren, von der mein Bekannter auf dem Schiff erzählt hat.

 So setzt du es um

Schreibe heute einen Satz auf, der über deinem Leben stehen könnte. Nicht deine Berufsbezeichnung – sondern eine Aussage darüber, wofür du da bist. Was ist das Wort über dir?
Eine Frage dich: In welchen Lebensbereichen bist du berufen? Als Ehepartner, als Unternehmer, als Freund, vielleicht ehrenamtlich? Benenne diese Bereiche konkret.
Prüfe dann: Bin ich gerade in diesen Bereichen wirklich am Platz meiner Berufung? Oder lebe ich ein Leben, das anderen gehört – weil ich nie ernsthaft nachgefragt habe?
Unterscheide heute bewusst zwischen zwei Fragen: Was habe ich – und wer bin ich? Die erste führt zu Erfolg. Die zweite zur Erfüllung.

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