Erkenne den Sinn und Zweck vom Arbeiten

Ich saß im Gespräch mit einem Mann, der am Band in der Automobilindustrie arbeitete. Er verdiente gut – das ist bekannt, was in dieser Branche gezahlt wird. Ich sagte ihm, das freue mich zu hören. Er schaute mich an und antwortete: „Was wir bekommen, ist kein Lohn – das ist Schmerzensgeld."

Das hat mich erschrocken. Ich habe ihn gefragt: „Warum tust du dir das dann an?" Er sagte, er sei gerade dabei, sich etwas anderes zu suchen.

Schmerzensgeld. Das Wort lässt mich nicht los. Denn Arbeitszeit ist Lebenszeit. Und das ist keine philosophische Aussage – das ist eine Tatsache, die viele von uns gut genug kennen, um sie zu verdrängen.

 Was steckt dahinter

Es gibt eine Dimension von Arbeit, die von den wenigsten wirklich wahrgenommen wird – und die mir sehr am Herzen liegt. Arbeit hat an sich etwas Göttliches. Ich meine das wörtlich. Was wir beim Arbeiten tun, ist Folgendes: Wir transferieren mit unseren Gedanken, Vorstellungen und Visionen etwas in die sichtbare Realität hinein. Etwas, das vorher nur in unserem Geist vorhanden war, kommt durch unsere Hände in die Welt. Stell dir eine Gastgeberin vor, die einen Mädchenabend plant. Sie sieht in ihrem Geist schon die Schwarzwälder Kirschtorte – fertig, herrlich anzusehen – bevor sie einen einzigen Schritt in die Küche gemacht hat. Dann kauft sie ein, backt, stellt sie auf den Tisch. Was war das? Sie hat etwas aus ihrer Vorstellung, aus ihrem Inneren, in die sichtbare Welt transferiert. Das ist dasselbe, was ich mache, wenn ich auf der Autobahn unterwegs bin, auf dem Weg zu einem Kunden, und im Kopf schon das nächste Messgerät konstruiere. Wenn ich abends zurückkomme und die Idee schon fertig ist – am nächsten Morgen geht es ins CAD-Programm, dann zu den Mitarbeitern, dann ist das Gerät da. Was in Gedanken war, ist jetzt real. Das ist die göttliche Dimension unserer Arbeit.

Eine zweite Wahrheit, die ich immer wieder betonen muss: Du bist nicht deine Leistung. Dein Wert als Mensch ist nicht identisch mit dem, was deine Bilanz zeigt oder was in deiner BWA steht. Das wäre ja auch absurd – als wärst du nichts wert, wenn du mal krank bist und nicht leisten kannst. Viele Unternehmer bauen genau auf dieser Gleichsetzung auf: Ich arbeite viel, also bin ich wertvoll. Das ist der direkteste Weg in den Workaholic-Modus – und in eine Kultur, die nach außen hin glänzt, aber innen hohl ist.

Wie ist Wirtschaft ursprünglich gedacht? Der Bauer baut Getreide an, gibt es dem Müller, der macht Mehl daraus, der Bäcker backt Brot. Ich fertige Messgeräte, die in Anlagen eingebaut werden, die dort Sicherheitsstandards und Qualitätsstandards überwachen. Ich bin froh, dass ich in der Bäckerei mit Geld Brot kaufen kann, ohne es selbst backen zu müssen. Das ist Wirtschaft. Einander Probleme lösen, einander dienen. Erst kommt das Dienen, dann das Verdienen. Das ist die Reihenfolge. Und die umzudrehen – nur auf das Verdienen zu fokussieren, ohne diesen Dienst-Gedanken zu leben – zieht uns aus genau dem heraus, was Arbeit überhaupt erst sinnhaft macht.

 Typische Stolpersteine

Ein häufiger Fehler ist, Arbeit rein als Einkommensquelle zu betrachten und dabei die gestalterische, schöpferische Dimension zu übersehen. Wer seine Arbeit als Schmerzensgeld empfindet, hat sich von dieser Dimension bereits entfremdet – meistens, ohne es bewusst zu merken.

Ein zweiter Stolperstein ist die Verwechslung von Effizienz mit Kreativität. Kreativität und hektisches Tun schließen einander aus. Wer immer unter Druck steht, wer jagen und getrieben wird, wer nie innehält, wird nie das Beste aus seiner Arbeit herausholen – denn das Beste kommt aus der Ruhe.

 So setzt du es um

Stelle dir heute Abend diese Frage: Was war heute das Konkrete, das ich aus meinem Kopf, meiner Vorstellung, in die sichtbare Wirklichkeit transferiert habe? Was existiert heute in der Welt, das es gestern noch nicht gab – weil du daran gearbeitet hast?
Überlege, wie deine Arbeit anderen Menschen konkret das Leben erleichtert. Nicht abstrakt – sondern ganz konkret: Wer ist dein Kunde? Was wäre ohne dein Produkt, deine Dienstleistung für ihn schwieriger? Wenn du diese Frage klar beantworten kannst, hast du den Sinn deiner Arbeit gefunden
Sprich mit einem deiner Mitarbeiter in dieser Woche darüber, welchen Nutzen seine konkrete Arbeit für den Kunden hat. Nicht als Lob-Ritual – sondern als echtes Gespräch über Sinnhaftigkeit. Du wirst überrascht sein, was das bewirkt.
Schütze dir pro Woche mindestens eine Stunde ungestörter kreativer Zeit. Keine E-Mails, keine Anfragen, keine Dienstberatung. Nur du und die Frage: Was könnte noch besser, anders, neu sein?

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